Ist der Gott des Alten Testaments ein anderer als der des Neuen Testaments?
Einleitung
Als Christ wird man sich früher oder später dieser Frage stellen müssen – sei es, weil man die Bibel liest, sei es, weil man in einem Gespräch mit einem Nichtchristen genau hierauf angesprochen wird.
Hat die Aussage: „Im Alten Testament ist Gott grausam, aber Jesus im Neuen Testament ist die Verkörperung von Barmherzigkeit“ ihre Berechtigung?
Die zu schnelle Auflösung
Ich habe den Eindruck, dass diese Frage unter Christen zu schnell beantwortet und die dahinterliegende Spannung zu schnell aufgelöst wird. Rasch versucht man zu zeigen, dass im Alten Testament auch Stellen der Barmherzigkeit Gottes sind und dass sich auch im Neuen Testament Stellen über den Zorn Gottes finden. Damit meint man dann gezeigt zu haben, dass die Bibel an allen Stellen denselben Gott beschreibe.
Aber ist die Lösung wirklich so einfach? Kann man wirklich behaupten, dass Gott sich im AT genau als derselbe offenbart wie im NT? Und wieso kommen so viele Menschen zu dem Eindruck, dass der Gott des ATs nicht derselbe wie der des NTs ist? Haben sie sich verschworen, sind sie vom Satan verblendet oder handelt es sich um ein vorgeschobenes Argument, um sich nicht weiter mit der Bibel beschäftigen zu müssen?
Zeigt sich Gott wirklich immer als „derselbe“?
Unterschiede im Gottesbild des AT und des NT
Zunächst einmal möchte ich eine Lanze für all diejenigen brechen, die sich an dem Verhältnis AT zu NT stoßen. Sie sind gute Beobachter. Und wer diese Spannung des Gottesbildes nicht mehr wahrnimmt, der scheint mir zu lange „christianisiert“ worden zu sein.
Hier möchte ich kurz zeigen, warum es den Leser der Bibel nicht überraschen sollte, wenn er auf Unterschiede zwischen dem Gottesbild des ATs und des NTs stößt.
Gott als Staatsgott
Gottes Handeln ist im AT über weite Strecken Staatshandeln. Er offenbart sich als oberster Staatsherr des politischen Gebildes Israels. Er gibt seinem Volk eine Verfassung, Gesetze, eine Organisationsstruktur, usw.
Im NT hingegen wird in Stellen wie Röm 13 oder 1Petr 2 deutlich, dass Gott die staatliche Macht und die exekutive Gewalt an heidnische politische Systeme – in diesem Fall das Römische Reich – delegiert hat. Hier zeigt sich Gott nicht mehr als oberster politischer Herrscher seines Volkes.
Der Gott eines Volkes vs. der Gott der ganzen Welt
Im AT zeigt sich Gott vornehmlich als der Gott einzelner Menschen, einzelner Familien und eines politischen Volkes. Er gibt seinem Volk eine bis ins Details ausgearbeitete Kultur und gesellschaftliche Form vor.
Im NT zeigt sich Gott betont als der Gott, der für alle Menschen da ist. Er lässt dabei sehr viele (kulturelle und gesellschaftliche) Formfragen offen, damit Gemeinde in jeder Kultur und an jedem Ort lebbar ist.
Zwar kann man such im AT Aussagen finden, die Gottes Pläne mit der ganzen Welt zeigen und auch im NT gibt es Aussagen über Gottes Handeln mit Israel (z.B. Röm 9-11). Die Hauptbetonungen liegen allerdings so, wie ich sie beschrieben habe. Und die Hauptbetonung ist immer das, was den entscheidenden Eindruck über Gott erzeugt.
Gott als der Dreieinige
Keiner wird abstreiten können, dass man das Konzept des dreieinigen Gottes, der sich in den Personen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes offenbart, erst im NT erkennen kann.
Zwar kann man sicherlich auch im AT Ansätze erkennen, die das Konzept der Dreieinigkeit gedanklich vorbereiten – diese Ansätze versteht man jedoch sicherlich erst im Nachhinein durch das Licht des NTs.
Das „Prinzip der fortschreitenden Offenbarung“
Das Prinzip der fortschreitenden Offenbarung ist der Versuch zu erklären, warum Gott die Menge an Informationen, die er über sich offenbart, im Laufe der Heilsgeschichte variiert und erweitert. Das Konzept der Dreieinigkeit ist vielleicht das deutlichste Beispiel dafür.
Mit diesem Prinzip versucht man offensichtliche Unterschiede als Ergänzungen und Erweiterungen zu deuten. Nun ist dies tatsächlich eine legitime Deutungsmöglichkeit. Aber es ist gewiss nicht die einzige.
Wenn jemand die wahrgenommenen Unterschiede (Gott zeigt sich im AT als einer und im NT als drei) nicht in den Deutungsrahmen des Prinzips der fortschreitenden Offenbarung einordnet, wird er diese Unterschiede folgerichtig als Widersprüche wahrnehmen; ganz einfach, weil er einen anderen Deutungsrahmen für dieselben Beobachtungen benutzt.
Man kann natürlich darüber diskutieren, ob ein anderer Deutungsrahmen als das Prinzip der fortschreitenden Offenbarung für Gottes Offenbarungshandeln angemessen ist. Aber man kann keinesfalls voraussetzen, dass dieses Prinzip jemanden ohne christliche Sozialisation schnell einleuchten wird. Daher wird so jemand Unterschiede zurecht als Widersprüche wahrnehmen.
Und auch wir müssen uns fragen, woher wir dieses Prinzip eigentlich genau herleiten. Denn es steht nirgends in der Bibel ausdrücklich formuliert. Es ist vielmehr ein im Nachhinein auf die Bibel angewandter Deutungsrahmen. Damit will ich keine Aussage darüber treffen, ob ich dieses Prinzip für zutreffend oder nicht zutreffend halte.
Abschießende Bemerkung
Wir sollten vorsichtig damit sein, Gott immer gleich verteidigen zu wollen (nach dem Motto: „Ich darf nicht zulassen, dass irgend jemand behauptet, dass er etwas als widersprüchlich in der Bibel empfindet.“). Ich bin der Meinung, dass wir Spannungen stehen lassen dürfen, wo Gott sie so in seinem Wort angelegt hat.
Und wir sollten auch nicht so tun, als ob man die Bibel an einer beliebigen Stelle aufschlagen könnte und als ob dort immer in der selben Art und Weise von Gott die Rede wäre. Für den christlichen Insider mögen viele neutestamentliche Aussagen über Gott mitschwingen, wenn er einen Text aus dem AT liest – dies kann man aber nicht bei jemandem voraussetzen, der dieses Vorwissen nicht hat.

Lieber Erasmus ,
vielen Dank für deine Worte.
Eben dieses , ich sage mal Problem , trage ich seit einiger Zeit mit mir herum.
Vieles erklärt sich bestimmt von Zeit zu Zeit selber.
Aber , dein Kommentar hat mir sehr geholfen.
Vielen Dank & sei behütet ,
Herzliche Grüße aus dem Tal der Wupper,
Florian