Drei Krücken für ein geschlossenes christliches Weltbild
Mir scheint, dass viele evangelikal geprägte Christen ihrem dogmatischen System keine offenen Fragen und Zweideutigkeiten in aushalten können. Jeder Tendenz zum Relativismus und Skeptizismus muss gewehrt werden. Dazu dienen zumeist diese drei „Säulen“ oder „Krücken“ – je nachdem, wie man deren Nutzen beurteilt.
1. Das Schriftprinzip als selbstevidentes Wahrheitsprinzip, von dem sich alle anderen Wahrheiten ableiten.
Dazu gehören folgende „Untersäulen“:
(a) Die Inspirationslehre: Es darf keinen Widerspruch oder Irrtum in der Bibel geben. Immer wird eine Erklärung gesucht und gefunden – egal wie abwegig sie ist. Aber eine tatsächliche Spannung darf nicht stehen gelassen werden, denn: Gott hat zwar durch Menschen geschrieben, aber dabei durch seinen Geist jeden Irrtum und Widerspruch ausgeschlossen.
(b) Gottes bewahrendes Wirken in der Geschichte und besonders in der Alten Kirche: Gott hat durch seinen Heiligen Geist die Alte Kirche dazu geleitet, die richtigen Bücher in den neutestamentlichen Kanon aufzunehmen. Daher sind auch die Kanongrenzen ganz klar im Wirken Gottes verortet und nichts historisch-Kontigentes. Selbiges gilt auch für die Festlegung des altestamentlichen Kanons durch die Juden. Allerdings thematisiert die Bibel dieses Bewahrungshandeln Gottes nicht. Es muss als zusätzliche Prämisse hinzugenommen werden, um das Schriftprinzip zu halten.
2. Eine bestimmte Geschichtsinterpretation
Die Urgemeinde, die Alte Kirche bis zur Konstantinischen Wende (mit Abstrichen) und die Zeit der Reformation werden als die Zeiten gesehen, in denen das Evangelium unverfälscht gelehrt und gelebt wurde. Die Zeiten danach sind stets Zeiten des immer weiter fortschreitenden Verfalls. Daher argumentiert man immer wieder nach diesem Muster: Man identifizierst die Mängel der heutigen Zeit und meint, dass man zu der vermeintlichen einfältigen reinen Lehre der Reformatoren und Urgemeinde zurückkehren muss.
Dies ist eine Bewältigungsstrategie der Vielfältigkeit unserer Welt und Geschichte. Man idealisiert bestimmte Geschichtsepochen der Vergangenheit und wertet die Gegenwart und andere Zeiten ab. Viele Appelle enthalten den Grundton eines „früher war es besser, lasst uns dahin zurückkehren“. Doch schon der Prediger warnt vor einer solchen Haltung (Pred 7,10).
3. Ein in sich geschlossenes Lehrsystem, dass so strukturiert ist, dass man es nicht hinterfragen, ja nicht falsifizieren kann (besonders in reformierten Kreisen).
Wenn man mit diesem System nicht übereinstimmt oder es ablehnt, wird dies um so mehr als Bestätigung des Systems gesehen, weil es die „menschlichen Vernünfteleien“ offenbart und zeigt, wie wenig der natürliche Mensch „die Lehre von der souveränen Gnade“ akzeptieren kann.
Also: Wenn man dem System zustimmt, gehört man zu den Auserwählten – das System stimmt. Wenn man das System ablehnt (selbst wenn man gute Gegenargumente liefert), ist dies nur Bestätigung des System, denn man verwendet zum Widerspruch die gefallene menschliche Vernunft und will sich nicht unter Gottes souveräne Gnade demütigen – das System stimmt wieder.
Die Lehrpunkte dieses theologischen Systems dagegen sind ganz ohne menschliche Vernunft und nur durch Gottes Offenbarung gewonnen.

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