Christliche Biographien und die schonungslose Ehrlichkeit

In Biographien über christliche Persönlichkeiten der Vergangenheit scheint mir manches übertrieben und einseitig dargestellt zu werden. Die positiven Aspekte werden überbetont und die negativen Dinge vernachlässigt. Wenn Schwächen und Probleme erwähnt werden, dann meist nur, um einen dramatischen Spannungsbogen für die durch Gott gewirkte Auflösungen bzw. Überwindung zu schaffen. Selten habe ich eine Darstellungen gefunden, in der nicht alle Ereignisse auf die eine oder andere Weise mit einem „Happy End“ versehen werden.

Ausnahmen sind manchmal Autobiographien, die wesentlich offener mit Schwächen umgehen und in denen auch zugegeben wird, dass manche Dinge im Leben überhaupt kein „Happy End“ finden und Gott uns in eben dieser Spannung belässt.

Ich thematisiere dies deshalb, weil ich erlebe, dass solche unausgewogenen Darstellungen einen zweifachen Effekt haben können: Zum einen fühlen sich Christen entmutigt, weil in ihrer Biographie die Ereignisse nicht so positiv gelenkt werden wie bei den großen Glaubensvorbildern. Eine zweite Auswirkung ist, dass sich ein Denken einschleicht: „Ja damals hat Gott noch richtig durch Menschen gehandelt. Diese Männer und Frauen waren Adler, die hoch am Himmel flogen. Wir dagegen sind armselige kleine Spatzen.“ Dies bedeutet nichts anders als das man meint, dass Gott heute weniger tut oder tun kann als in vergangenen Zeiten. Man fängt an das Wirken Gottes im eigenen Leben und in der eigenen Gegenwart gering zu schätzen – zuunrecht!

Ursache für diese Einseitigkeit in der Darstellung scheint mir eine übertriebene Ehrfurcht der Biographieautoren zu sein. Interessant ist, dass in der Bibel selbst die größten Glaubenshelden schonungslos mit ihren Defiziten dargestellt werden – und auch nicht immer ein Happy End finden (so z.B. Mose, der nicht in das Land Kanaan darf).

Mich zumindest ermutigt gerade eine solche schonungslose Ehrlichkeit.

~ von Erasmus der Geist am Samstag, 12. April 2008.

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