Zeitgeist und wie er uns beeinflusst

Häufig reden und warnen einzelne Christen vor dem heute vorherrschenden Zeitgeist – dem Zeitgeist der Postmoderne. Sie zeigen die geistig-kulturelle Entwicklung der letzten Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte auf und bringen dann das Denken unserer Zeit in einen Vergleich mit biblischen Leitlinien. Häufig beruft man sich dann auf einige der Reformatoren und ihr Schriftverständnis oder auf bestimmte Gottesmänner der jüngeren Kirchengeschichte – z.B. Spurgeon.
Doch was dabei anscheinend vergessen wird, ist, dass auch diese Männer Kinder eines bestimmten Zeitgeistes waren, der genau solche Schwächen enthielt wie der unserer Postmoderne. Ich nenne als Beispiele nur Luthers Einstellung zu den Juden oder Calvins Herrschaft in Genf.

Was mich dies zu lehren scheint, ist, dass ein zu großer Fokus, sich von allem derzeitigen Zeitgeist zu befreien und zum biblischen Denken allein zurückzukehren, immer scheitern wird. Denn um dieses biblischen Denken zu finden, wird man in der Kirchengeschichte zu einem seiner Vorbilder springen und sich sein Bibelverständnis zur Leitlinie nehmen. Denn die Bibel selber – v.a. das NT gibt keine genaue Anleitung dazu, wie man sie auf andere Zeiten als die Entstehungszeit anwenden soll.
Vielleicht tut man dies dann mit dem subjektiven Eindruck, zu etwas Bewährten, Beständigen und in der heutigen Zeit Vernachlässigtem zurückgekehrt zu sein. Mit dem Eindruck, sich gegen den vorherrschenden derzeitigen Denkstrom gestellt zu haben. Doch unbewusst öffnet man sich mit diesem Schritt dem Zeitgeist, der zu der Zeit herrschte, als dieses gewählte Vorbild lebte. Denn dieser Zeitgeist hat wiederum dessen Bibelverständnis geprägt.
Und mitunter fällt es schwerer, den Zeitgeist z.B. Luther zu entlarven, als den heutigen.

Somit muss man sich immer ein ganzes Stück weit damit abfinden, Kind seiner Zeit zu sein und sich nicht durch ständiges Analysieren und Reflektieren dagegen zu wehren.
Man springt höchstens von einer gegenwärtigen Zeitgeistprägung zu einer Prägung vergangener Zeiten – wird aber nicht wirklich unabhängiger in seinem Urteil.

Vielmehr scheint die Kirchengeschichte wie selbstverständlich zu bestätigen, dass Gott stets die ihm Hingegeben und doch vom jeweiligen Zeitgeist geprägten Christen gebraucht hat.

Offen bleibt für mich auch die Frage, ob es je einen richtigen Zeitgeist gegeben hat oder in dieser Welt überhaupt geben kann? War der Zeitgeist im 1. Jh. n.Chr. der richtige? Oder der zur Zeit der Reformation? Oder der im England des 18. Jhs. unter Wesley und Whitefield?
Oder ist es nicht vielmehr so, dass in einer vom Widersacher geprägten und von Gott nicht verlassenen Welt stets Licht und Schatten da sein werden – wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichem Maße und Verhältnis zueinander.

~ von Erasmus der Geist am Mittwoch, 30. April 2008.

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