Bibelstellen als „Sprungbrettalibi“ oder: die „Allgenügsamkeit der Schrift“
Doch dieses Zitieren von Bibelstellen kann auch schnell skurrile Züge annehmen. Oft werden Aussagen mit Bibelstellen belegt, die in überhaupt keinem oder nur in einem entfernten Zusammenhang zu dem vorher Gesagten stehen.
Es scheint mir fast so, als ob ein Prediger es gar nicht anders „darf“. Jede Aussage muss mit einer Bibelstelle belegt werden – und sei sie noch so unpassend. Damit geht der eigentliche Sinn des Rückbezugs auf eine Bibelstelle verloren. Das Zitieren von Bibelstellen wird dann zum reinen Stilmittel, dass „Bibelgemäßheit vorgaukelt“.
Meist werden dann Bibelstellen nur noch als Springbrett benutzt, um dann zu dem eigentlichen Punkt zu kommen, den der Prediger machen möchte. Dieser eigentliche Punkt ist dann oft sinnvoll, gut, richtig und wichtig – nur er hat nichts oder nur wenig mit der vorher angeführten Bibelstelle zu tun.
Wieso gehen wir so vor? Darf man nichts sinnvolles mehr sagen, ohne sich vorher biblisch „abgesichert“ zu haben?
Ich glaube, hinter dieser Vorgehensweise steht eine übersteigerte Sicht auf die Schrift. Man nimmt an, dass jedes mögliche Thema abschließend in der Bibel behandelt wird. Dies ist ein zu enges Verständnis der Allgenügsamkeit der Schrift.
Blickt man aber kurz in sein Leben, wird man merken, dass das nicht stimmt. Die Bibel liefert sehr wohl die entscheidend wichtigen Leitlinien und Prinzipien für unser Leben. Aber sie lässt gleichzeitig auch sehr viele Bereiche unserer Lebensgestaltung offen.
Sie ist nun mal ein Buch, dass viele Jahrhunderte von unserer heutigen Lebenswirklichkeit entfernt ist. Manche Themen behandelt sie kaum, weil sie in der damaligen Zeit nicht im Gespräch waren. Zu Themen wie Essstörungen oder Depressionen werden wir in der Bibel explizit nicht viel finden (die Geschichte von Elia wird zwar oft in Zusammenhang mit Depressionen angeführt, beschreibt aber vielmehr eine momentane absolute Niedergeschlagenheit, die genau so schnell verschwindet, wie sie kam. Depression ist ein Zustand, in dem ein Mensch über längere Zeit „gefangen“ ist.).
Wir finden das Prinzip, dass Gott den Menschen unabhängig davon wie er ist, wie er aussieht, was für eine Temperament er hat, liebt. Aber wie man dies z.B. auf einen depressiven Menschen anwenden muss, dass finden wir nicht in der Bibel.
Diese Anwendung ist etwas, was Gott uns selber in die Hand legt. Es nützt nichts, hier irgendwelche Bibelstellen in konstruierter Weise als Beleg anzuführen – im Sinne von „so und so muss man mit Depressiven umgehen“ (z.B. die Elia-Stelle). Vielmehr darf man in einer Predigt alles das sagen und raten, was hilfreich ist, um den Menschen die Liebe Gottes zuzusprechen und Auswege aus der Hilflosigkeit zu zeigen – ob dies nun direkt in der Bibel steht oder nicht.
Es geht darum, dass das Ziel der Predigt die Prinzipien der Bibel fördert; nicht darum, dass jeder Gedanke der Predigt sofort „biblisch rückversichert werden muss“.

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