Der Herr der Vielfalt und die Empfehlungen

Nicht selten hört man in einer Predigt, einem Vortrag oder sonst irgendwo unter den Christen: Dieses oder jenes Buch muss man als Christ gelesen haben. Oder diese Konferenz muss man besuchen, wenn man als Mitarbeiter weiterkommen möchte.
Wenn man dann zu den Menschen gehört, die sich von solchen Aussagen unter Druck setzen lassen, kommt man schnell in ein Dilemma. Die Menge der Dinge, die man kennen „muss“ übersteigt bei weitem die zeitlichen, finanziellen und kräftemäßigen Möglichkeiten, die man hat.

Für solche Leute sei gesagt: Diese Empfehlungen, die Aussagen „jeder Christ muss das kennen“ geschehen aus der sehr subjektiven Sucht desjenigen, der dies sagt. Wenn z.B. ein Prediger so etwas sagt, hat er wahrscheinlich selber sehr positive Erfahrungen mit dem empfohlenen Buch oder einer Konferenz gemacht. Wenn er nun so tut, als ob das von ihm als wichtig und hilfreich empfundene dasjenige sei, was alle Christen bräuchten, dann hat er eine sehr beschränkte Weltsicht.

Es gibt einfach zu viele gute Bücher, Konferenzen, Vorträge, praktische Einsätze, usw., die man als Christ sehr gewinnbringend besuchen kann.
Eine Empfehlung wie „das, und nur das musst du jetzt lesen“ zeigt lediglich, dass der Empfehlende keine Sicht für die Vielfalt der existierenden guten Möglichkeiten besitzt.

Vielleicht ist er auch selber mit dieser Vielfalt überfordert und möchte sich in gewissem Sinne zu einem „Herrn der Vielfalt“ aufschwingen, indem er versucht, die Komplexität und Vielfalt in dieser Welt mit seinem verbindlichen Ratschlag für sich und andere einzuschränken.

Die Gefahr bei solchen „Muss-Empfehlungen“ ist die, dass man Leute unter Druck setzt oder ihnen den Eindruck vermittelt dumm oder ungebildet zu sein.
Vielmehr sollte man bei solchen Empfehlungen betonen, dass es eine gute Möglichkeit ist, aber eine unter vielen – und keinesfalls ein „Muss“ ohne das man als Christ nicht leben kann.

~ von Erasmus der Geist am Donnerstag, 1. Mai 2008.

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