Die große Herausforderung: An der Einheit der Bibel festhalten

Das Wesen und der Aufbau der Bibel bringt eine ungeheure Spannung mit sich: Zum einen besteht sie aus vielen unterschiedlichen Schriftstücken, die von unterschiedlichen Autoren zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden. Dies bringt zwangsläufig ganz unterschiedliche Inhalte und Darstellungen in den einzelnen Büchern der Bibel mit sich.

Nun stellt sich die Schlüsselfrage: Kann man diese Vielfalt zu einer Einheit zusammenbringen? Hat diese Sammlung von Schriften, die wir als Bibel bezeichnen, einen roten Faden? Bilden sie eine Einheit?
Es ist eine der größten intellektueller Herausforderungen, an der Einheit der Bibel festzuhalten.

Im liberalen historisch-kritischen Zugang zur Bibel gibt man die Einheit der Bibel auf. Es verkehrt sich sogar ins Gegenteil: Man legt ein besonderes Augenmerk auf die jeweiligen theologischen Unterschiede der einzelnen Bücher der Bibel, die nicht miteinander vereinbar seien. Es geht sogar so weit, dass man annimmt, dass einzelne Bücher der Bibel von verschiedenen Autoren sein müssen, wenn in ihnen zu große inhaltliche Spannungen vorhanden sind.
Man wird den Eindruck nicht los, dass dieser „Teilungswahn“ sich in diesem Zugang zur Schrift schon verselbstständig hat. Einem Autor wird fast gar nicht mehr eingeräumt, dass er zwei unterschiedliche Gedanken zu einem Thema haben darf oder dass er seine Gedanken mit der Zeit verändert.

Im bibeltreuen evangelikalen Ansatz hält man an der Einheit der Schrift fest. Man versucht – teilweise krampfhaft – Erklärungen für die inhaltlichen Unstimmigkeiten und Abweichungen zu finden. Egal, welche Differenzen man vorfindet – diese Beobachtung „darf“ nie dahin führen, dass die Schrift nicht einheitlich sei. Es wird immer als „komplementär“ bzw. einander ergänzend gedeutet.
Man darf zurecht Fragen, wie stark die inhaltliche Spannung sein müsste, die man nicht mehr mit diesem Konzept erklären könnte.

Egal, welche Betrachtungsweise man auf die Schrift hat: Keiner kann die Spannungen in der Schrift leugnen.
Und beide Zugänge haben eine bestimmte Denkvoraussetzungen, an der die mit „Glauben“ festhalten müssen – sei es der „Glaube an die Einheit der Bibel“ oder der „Glaube an die Nicht-Einheit der Bibel“. Dem jeweiligen Glauben bzw. der Denkvoraussetzung entsprechend werden dann die Beobachtungen im Text eingeordnet.

~ von Erasmus der Geist am Donnerstag, 1. Mai 2008.

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