Die Taufe im Heiligen Geist – oder: Warum betonen einige Christen eine zweite Erfahrungen neben der Bekehrung so stark?

Vor allem bei Christen aus der charismatischen Bewegungen bemerkt man eine mehr oder minder starke Betonung einer zweiten geistlichen Erfahrung neben oder nach der Bekehrung: Die „Taufe im Heiligen Geist“. Oft wird diese Taufe im Heiligen Geist mit der Wassertaufe zeitgleich gesehen. Dort bekomme man den Heiligen Geist in vollem Maße – dies zeige sich vor allem durch die Gabe des Zungenredens, aber auch durch andere „übernatürliche Gaben“ wie Prophetie oder Heilung.
Geistlich bedeutet diese Geistestaufe, dass man jetzt durch den Heiligen Geist ein neues, siegreiches und erfülltes Christsein leben kann, wie man es vorher nicht gekannt hat.
Christen, die diese Geistestaufe noch nicht erfahren haben, fehlt etwas ganz Wesentliches in ihrem Christsein.
Meist werden dann die Erfahrung der Geistestaufe, des Redens in Zungen (usw.) mit Ereignissen aus der eigenen Biographie verbunden, die zeigen, wie sehr sich alles durch dieses Ereignis verändert hat – so dass man „gar nichts dagegen sagen kann“.

Nun – wie soll man damit umgehen, wenn man diese Erfahrungen nicht gemacht hat, aber dennoch nicht den Eindruck hat, dass einem etwas im Christsein fehlt?
Da ich nicht davon ausgehe, dass meine Geschwister unehrlich sind, bin ich davon überzeugt, dass die das, was sie beschreiben, wirklich auch erlebt haben und erleben.

Hier ist eine mögliche Sicht auf die Dinge: Bestimmte Frömmigkeitsformen (z.B. Zungenrede) werden mit einem besonderen geistlichen Erleben (einer subjektiv besonders empfundenen Nähe zu Gott) verknüpft. Dadurch wird die Frömmigkeitsform zu einer nicht weiter hinterfragbaren Sache. Eine Infragestellung löst meist beim Betreffenden sofort eine emotionale Reaktion aus.

Was ist passiert? Unbewusst wurde eine an sich austauschbare Frömmigkeitsform (z.B. Zungenrede) mit einem echten Verlangen nach Gott verbunden. Wer aber nun diese Verbindung hinterfragen will, merkt, dass der andere sich sehr schnell in seiner ganzen Existenz als Christ hinterfragt sieht.

Wahrscheinlich gab es im Leben desjenigen nach der Bekehrung tatsächlich eine weitere Schlüsselerfahrung. Da er nun diese Schlüsselerfahrung untrennbar mit z.B. dem Beginn der Zungenrede verbindet, legt er in die Frömmigkeitspraxis der Zungenrede eine viel zu große Bedeutung. Letztendlich ist dies nichts weiter als Erfahrungstheologie.

Dabei ist die Vielfalt der geistlichen Erfahrungen doch so groß. Der eine Christ erlebt einen geistlichen Durchbruch beim Forschen in der Bibel. Der andere beim Evangelisieren – und wieder jemand verbindet es mit der Zungenrede. Keiner darf aber Schlussfolgern: Um einen geistlichen Durchhbruch zu haben, muss jeder Christ etwas ähnliches wie ich erleben.

Damit schränkt man Gott in seinen vielfältigen Wirkungsweisen ein. Er hat nicht ein standardisiertes „Geistestaufe-Mit-Zungenrede-Schema“ für alle Christen.

Ein kurzer Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass Christen in der Vergangenheit ganz andere Frömmigkeitsformen mit entscheidenden geistlichen Entwicklungen verbunden haben: Viele wollten Mönch oder Nonne werden, um sich Gott ganz zu weihen. Andere suchten nach der „mystischen Vereinigung mit Gott“. Ein Luther wiederum las die Schrift und erlebte einen geistlichen Durchbruch, als er erkannte, dass man Römer 1,17 von der grammatikalisch auch anders verstehen kann.

~ von Erasmus der Geist am Donnerstag, 1. Mai 2008.

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