Unklare Bibelstellen werden durch klarere Bibelstellen ausgelegt

Der richtige Gebrauch
Dieses Auslegungsprinzip wird oft zitiert und angewandt – und das zurecht. Es gibt tatsächlich etliche Fälle in der Bibel, bei denen diesen Prinzip weiterhilft und vor Irrtümern bewahrt.
So wird man wahrscheinlich nie genau sagen können, was 1Tim 2,15 (hier wird die Errettung der Frau mit dem Kinderkriegen verbunden) genau bedeuten soll. Aber dieser einen schwierigen Bibelstelle stehen dutzende von Stellen gegenüber, in denen die Errettung nur an den Glauben gebunden wird (z.B. Joh 3,36; 5,24; Röm 5,1; 10,9.10; 1Joh 5,13, u.v.a.).

Der Missbrauch
Aber dieses Prinzip kann auch sehr leicht missbraucht werden. Vor allem dann, wenn es sich um eine Lehrfrage handelt, zu der es unterschiedliche Auffassungen in der Christenheit gibt.
In solchen Fällen muss zwar jede Seite zugeben, dass auch die andere Lehrposition ihre Belegstellen aufbieten kann – aber man entkräftet dies mit folgendem „Trick“: Man behauptet einfach: „Meine Stellen sind die klaren, die deine unklaren Stellen ins rechte Licht rücken.“
Jetzt mag man vielleicht denken, dass niemals so plump argumentiert werden würde. Aber weit gefehlt! Man wird in der christlichen dogmatischen Literatur nicht selten solche Aussagen finden. Manchmal verbal etwas schöner oder hochgestochener verpackt – aber man wird sie finden.
Dabei handelt es sich – logisch gesehen – um nichts weiter als ein relativ beliebiges Auflösen einer Spannung von zwei mehr anscheinend entgegengesetztes biblischen Aussagen. Doch man muss genau begründen können, warum bestimmte Stellen die klareren sind und andere nicht. Wenn das nicht erfolgt, sollten einem als Leser immer die „Alarmglocken angehen“, denn es handelt sich dann um nichts weiter als eine reine (willkürliche) Behauptung des Autors.
Diese Argumentationsweise begegnet vor allem bei der großen Auseinandersetzung zwischen dem sog. Calvinismus und Arminianismus, aber auch bei Diskussion um die Endzeitmodelle oder ethischen Fragen wie Scheidung und Wiederheirat (usw.).

Zusammenfassung
So schön dieses sog. Grundprinzip der Auslegung der Bibel auch sein mag – man wird nicht in allen Fällen gleich erkennen können, welche Stellen die klareren und welche die unklareren sind. Meist wird es einer sehr sorgfältigen Abwägungsarbeit bedürfen. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass man bei manchen Themen Bibelstellen findet, die anscheinend gegensätzliches Aussagen enthalten und die man trotz allen Abwägens als „gleich-klar“ beurteilen muss.
In solchen Fällen bleibt einem nichts weiter übrig als diese Spannung zu akzeptieren und zuzugeben, dass man mit den und von Gott gegeben Mitteln derzeit erkenntnismäßig nicht weiter kommt.

~ von Erasmus der Geist am Donnerstag, 1. Mai 2008.

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