Was ist Grausamkeit?

Wie kann es zu Taten kommen, wie sie im Dritten Reich geschehen sind? Wie können Menschen, ihr Mitgefühl und Mitleid mit anderen Menschen derart weit verkommen? Wie kann jemand zugleich KZ-Aufseher und Familienvater gewesen sein?

Ein wesentlicher Schlüssel, um dies zu verstehen, ist der Prozess des „Umdefinierens“. Die Grausamkeit besteht darin, dass Menschen eine Umdefinierung dessen vornehmen, was „lebenswertes Leben“ ist. Die Kategorie „lebenswertes Leben“ ist wie ein Schutzschirm – so lange man darunter fällt erfährt man Mitleid und Mitgefühl von den Menschen. Ist dieser Schutzschirm erst weg, wird es einem verweigert.

Dies deutet an wie vielschichtig die Auseinandersetzung mit menschlicher Grausamkeit ist. Es sind nicht einfach Bestien gewesen, die beispielsweise die Verbrechen im Dritten Reich verübt haben. Auch diese Menschen musste ihre Taten irgendwie vor ihrem Gewissen – ihrem inneren Gerichtshof der Gedanken – rechtfertigen. Jeder Mensch hat bestimmte Wertemaßstäbe die sein Gewissen und damit sein Handeln prägen und er kann sich nicht einfach über sie hinwegsetzen.

Diese Menschen mussten gedankliche eine Rechtfertigung finden, für das was sie taten; und auch für die Schizophrenie, dass sie zu den Menschen im KZ so grausam waren, aber zu ihrer Familie zu Hause ganz anders.
Die gedankliche Rechtfertigung bestand darin, dass sie sich innerlich daran gewöhnt haben, dass bestimmte Menschen (Juden, politische Gefangene, etc.) eben „nicht lebenswertes Leben“ sind. Hier sei es berechtigt seinen Mitleidsimpuls zu unterdrücken. Dieses Unterdrücken des Mitleidsimpulses, dieses Nichtgeltenlassen für andere Menschen – das ist die Wurzel der Grausamkeit.
Und wird solch eine Grausamkeit erst mal regelmäßig ausgeübt, wird sie zur Gewöhnung und man konditioniert sein Gewissen mehr und mehr dazu, hier nicht mehr mit Mitleid zu reagieren.

Der Mensch ist ein zutiefst moralisches Wesen, dass sich leider selber immer wieder austricksen und innerlich betrügen kann.

~ von Erasmus der Geist am Donnerstag, 1. Mai 2008.

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