Determinismus Teil 2: Zur Besonderheit des Determinismus – wenn man seine Gültigkeit annimmt, muss man ihn dann zwangsläufig auch für richtig halten?

Einleitung
Im deterministischen Weltbild denkt der Mensch nicht aus eigenem Antrieb, sondern er wird durch bestimmte Faktoren dazu gebracht, in einer bestimmten Art und Weise zu denken.
Wenn der denkende Mensch nun zu einem Schluss kommt, wie das Weltganze zusammenhängt hängen könnte, dann ist dies nicht zwangsläufig eine korrekte Wiedergabe der Realität. Diese Gedanken stammen ja nicht aus einer unabhängigen Betrachtung. Sie sind vielmehr durch unterschiedliche Faktoren determiniert.
Der Mensch wird ohne sein Wissen dazu gebracht, das zu denken, was er gerade denkt. Und zwar wird der Mensch immer das Denken, wozu ihn die Faktoren mit dem stärksten Zwang determinieren. Ob der Inhalt seiner Gedanken die Realität wiederspiegelt (nur weil diese Gedanken scheinbar mit dem übereinstimmt, was der Mensch beobachten kann), ist damit lange noch nicht bewiesen.
Die Realität wird vom Menschen so aufgefasst, wie es ihm die determinierenden Faktoren gerade „aufzwingen“.

Beispiel 1
Erwin hatte in seiner Kindheit einen Schäferhund mit Namen Bobo. Er liebte das Tier über alles. Als Erwin acht Jahre alt war, starb der Hund an Altersschwäche. Die Familie kaufte neuen einen Schäferhund: Hasso. Hasso war ein aggressives Tier und biss Erwin das halbe Ohr ab. Erwin erlitt einen Schock und mied seit dem alle Hunde – Hasso wurde wieder verkauft.
Nun heiratet Erwin im Alter von 25 Jahren die rassige Spaniern Anita, die unbedingt – wie früher in ihrem Elternhaus – wieder einen Schäferhund haben will. Anita – noch stark vom Rollenverhalten ihrer Eltern geprägt – überlässt ihrem Gatten Erwin die Entscheidung, ob ein Hund angeschafft werden soll oder nicht. Erwin zieht sich zurück, um sorgfältig das für und wider abzuwägen.
Wie wird er sich entscheiden? Dies hängt nach dem deterministischen Verständnis des Denkprozesses davon ab, welcher der vielen Faktoren am zwingendsten auf Erwin in seiner Entscheidungsfindung einwirkt. Ist das Kindheitserlebnis mit Hasso übermächtig, wird Erwin – obwohl es ihm wie ein eigener Entschluss vorkommt – letztlich dazu „determiniert“ den Kauf zu unterbinden. Überwiegen seine guten Erinnerungen an den ersten Hund Bobo und die Rücksichtsnahme auf den Wunsch seiner Frau, determinieren ihn wiederum diese Faktoren dazu, den Kauf zu tätigen.
Wie gesagt, bei alledem ist die scheinbare Möglichkeit zwischen beiden Möglichkeiten wählen zu können (im System des Determinismus) eine Illusion. Erwin kann zwar beide Möglichkeiten erkennen und auch das für und wieder abwägen – aber seine Entscheidung ist durch seine Erbveranlagung und die Lebenserfahrungen, die auf ihn eingewirkt haben bereits vorgegeben – egal ob er sie als seinen eigenen Entschluss ansieht oder nicht.

Schlussfolgerung 1
Die vorherige Betrachtung über das menschliche Denken im Determinismus führt zu einer etwas seltsam anmutenden Schlussfolgerung: Der Indeterminismus hätte in der Theorie des Determinismus seine volle Existenzberechtigung.
Wie kann das sein? Wie ich versucht hatte zu zeigen wird jeder menschliche Gedanke durch bestimmte „zwingende“ Faktoren gebildet. Dies muss dann folglich auch auf die Gedanken eines Indeterministen zutreffen. Nun kann es ja durchaus sein, dass der Indeterminist durch Erbveranlagung und Lebenserfahrung dazu „gezwungen ist“, seinen Glauben an die menschliche Freiheit zu behalten – auch wenn dieses nach dem Weltbild des Determinismus nicht der Realität entspräche.

Beispiel 2
In einem Streitgespräch zwischen einem Deterministen und einem Indeterministen könnten beide zu dem Schluss kommen, mit ihrer Sicht der Dinge völlig recht haben – wohlgemerkt: Innerhalb des Weltbilds des Determinismus ist dies möglich!
Der Indeterminist kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass er seine Meinung nicht ändert – er könnte schließlich unter dem deterministischen Zwang liegen, den Glauben an den freien Willen beizubehalten.
Demnach müsste ein konsequenter Determinist auf logische Argumente für den Determinismus verzichten – er weiß ja dass sein Gegenüber dazu „gezwungen/determiniert“ ist etwas anderes zu glauben.
Die einzige Möglichkeit wäre, dass in diesem Streitgespräch der Determinist durch ein Gegenargument einen so starken deterministischen Zwang auf den Indeterministen in Richtung Determinismus schafft, dass der Indeterminist „gezwungen“ ist, seinen Standpunkt zu ändern.
Dieses Argument muss jedoch nicht logischer Natur sein – es könnte auch eine vorgehaltene Waffe sein. Ein zugegebener Maßen sehr starker Zwang, um seine Meinung zu ändern.

Schlussfolgerung 2
Der Determinismus lässt folgenden Schluss zu: Selbst Wenn der Determinismus richtig sein sollte, muss man dennoch nicht glauben, dass es ihn gibt. Man kann sogar dazu „gezwungen sein“ etwas anderes zu glauben.

to be continued…

~ von Erasmus der Geist am Freitag, 2. Mai 2008.

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