Ist das Alte Testament symbolisch gemeint? (Teil1)
Ich bekam einmal diese These und sollte dazu Stellung nehmen:
“
Hier der Versuch meiner Antwort.
1. Schritt: Ich werde mich kurz dazu äußern, wie die heutige liberale alttestamentliche Wissenschaft an das AT herangeht (natürlich nur sehr unvollständig).
2. Schritt: Ich werde mal eine modifizierte Form deiner These vertrete; unter Berücksichtigung der Zugänge zum AT, die ich im 1. Schritt skizziert habe.
Grund 1: Parallelen in den religiösen Motiven
Es gibt bei vielen altorientalischen Völkern Göttererzählungen, die den Darstellungen des Gottes des Alten Testaments in gewisser Hinsicht ähnlich sind.
So taucht auch in diesen Mythen der Göttervater „El“ und „Jahwe“ auf. Unter anderem ist Jahwes Frau ist die „Aschera“. Es gibt Darstellungen des Wettergottes Baal, die den Darstellungen Jahwe in manchen Psalmen sehr ähnlich sind.
Aus diesen Parallelen schließt man dann, dass der israelitische Monotheismus, sich langsam, Schritt für Schritt aus dem Polytheismus des alten Orients entwickelt hätte. Zunächst sei es zu einer Monolatrie (exklusive Verehrung eines Gottes im gleichzeitigen Bewusstsein, dass es viele Götter gibt) Jahwes gekommen. Dann in einem letzten Schritt zum Monotheismus.
Hat man einmal diese Grundentscheidung getroffen, dass sich die Religion Israels nicht sprunghaft durch eine Offenbarung Gottes, sondern prozesshaft entwickelt hat, kommt man aus diesem Erklärungsmuster nicht mehr hinaus.
Das klassisch-evangelikale Erklärungsmodell ist genau anders herum: Man nimmt an, dass es von Anfang an einen Monotheismus gab, der dann durch Götzendienst entartete. So erklären sich dann Vermischungen von alttestamentlichen und heidnischen Göttervorstellungen. Auch aus diesem Deutungsmodell kommt man nicht mehr heraus, wenn man einmal die gedankliche Grundentscheidung getroffen hat.
Beide Modelle müssen die archäologischen Befunde und biblischen Darstellungen in ihre Sichtweise einordnen.
Grund 2: Archäologische Lücken
Eine Zweite Schiene, über die Zweifel an der Geschichtlichkeit kommen, ist, dass man viele Angaben aus dem Alten Testament archäologisch nicht belegen kann.
In der heutigen liberalen alttestamentlichen Forschung wird aus diesem Fehlen der archäologischen Zeugnisse heraus sofort die biblische Darstellung angezweifelt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Frage, ob es im 10. und 9. Jh. v.Chr. tatsächlich ein judäisches Großreich im Süden Palästinas und David uns Salomo gab. Nach biblischer Darstellung: Eindeutig ja. In der archäologischen Forschung ist auf diesem Gebiet ein gewisser Israel Finkelstein der führende Forscher. Seine Auswertungen von Ausgrabungen und Schlussfolgerungen werden größtenteils übernommen. Und er kommt zu dem Schluss, dass es keine Belege für ein solches Großreich zu dieser Zeit gibt. Im 10. und 9. Jh. habe es nur kleine Dörfer mit einer Gesamtbevölkerung von einigen Tausend Menschen in Juda gegeben. Also sei dieses Großreich unter Davis nichts als eine literarische Fiktion aus jüngerer Zeit (nach der Rückkehr der Israeliten aus dem babylonischen Exil).
Ob Finkelstein nun recht hat oder nicht würde diesen Rahmen hier sprengen und meine Kompetenzen bei weitem überschreiten. Aber eines ist wichtig: Fast alle Alttestamentler beziehen sich auf Finkelstein und seine Thesen. Das zeigt: Es reicht, das ein (oder einige Forscher) etwas halbwegs schlüssig darlegen und schon ist man bereit den ganzen biblischen Befund einfach durchzustreichen.
Man ist grundsätzlich sofort bereit, das in der Bibel zu verneinen, was man nicht belegen kann und nur das stehen zu lassen, für das man archäologische Belege findet.
Alles, was man nicht belegen kann wird wie folgt erklärt: Es ist eine Umschreibung und Ausschmückung der jüdischen Geschichte – verfasst von Juden, die aus dem Exil zurückkamen. Zweck: Man wollte dem Volk eine neue herrliche Identität geben und den Monotheismus Jahwes etablieren.
Jetzt kann ich endlich zu deiner Ausgangfrage kommen: Wenn wir die eben beschriebenem Schlussfolgerungen zum AT treffen, was bleibt uns dann noch übrig? Welchen Zugang zum AT können wir überhaupt noch finden?
Ich will es mal versuchen – so könnte es ungefähr klingen. „Das AT stellt nicht die tatsächliche Geschichte Gottes mit seinem Volk dar. Aber wir können trotzdem viel daraus für uns lernen. Es zeigt uns, wie sich die Juden nach dem Leid und der Demütigung im babylonischen Exil einem Gott zuwandten und nur noch ihm treu sein wollten. Dies taten sie, indem sie die Geschichte umschrieben: Sie erfanden bessere Zeiten (z.B. Davids Reich), um ihrer Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass Jahwe ihnen jetzt solche Zeiten schenken könnte. Dieses Umschreiben der Israelitischen Geschichte ist ein großes Zeichen des Glaubens der zurückgekehrten Juden an den einen Gott.
Dieses Vertrauen und dieser Glaube an das künftige Handeln Gottes ist es, was uns z.B. die Geschichte vom Großreich David zeigen soll: Diese literarische Funktion zeigt und, wie viel die Israeliten Jahwe zutrauten.
In diesem Sinne sind viele wundersame und herrliche Erzählungen aus dem AT ein für und heute hilfreiches Symbol für Glauben. Es verdeutlicht uns das theologische Prinzip einer festen Hoffnung an den einen Gott.”

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